Tuesday, July 20, 2010

DER FEINSCHMECKER (2010/08)



DER FEINSCHMECKER


"KRETA

Giannis hat für heute Gäste eingeladen. Der Grill ist schon heiß, das Gemüse geschnippelt, Oliven und Olivenöl aus eigenem Bio-Anbau stehen auf dem Tisch.

Der Winzer Giannis Economou ist ein sehr entspannter Typ. Anders könnte man die Ar-beitsbedingungen auf seiner im Jahr 1612 ge-bauten Domaine im Osten Kretas auch kaum ertragen. Mitten im Dorf liegt sie, Edelstahl-tanks und Holzfässer sind reingequetscht in winzige Räume. „Das Haus wurde 1821 so ge-baut“, erzählt er, „meine Vorfahren kämpften in der Revolution gegen die Osmanen und zo-gen sich hierher zurück. Um alle unterzubrin-gen, mussten die Zimmer unterteilt werden.“ Schon sein Großvater hatte hier Wein ge-macht, den aber nie in Flaschen gefüllt und die Region nie verlassen. Giannis dagegen

sammelte Erfahrungen in Europas wichtigsten Weinregionen. Franz Keller in Baden nahm ihn erst nach langem Zögern als Praktikanten, überreichte ihm aber dann am Monatsende ei-nen Umschlag mit 1800 Mark und erklärte ihn für fest ange-stellt. Zwei Jahre blieb Giannis Economou in Vogtsburg am Kaiserstuhl, ging dann zu Ceretto in Piemont und arbeitete schließlich als Önologe auf Château Margaux. In die Heimat kam er 1994 zurück. Seitdem produziert er Weine, die auch international Erfolg haben.

„Burgundischer Stil“, sagt er über seine Roten, „nicht dunkel, eher rubinrot, Finesse statt Kraft.“ So ist sein wichtigstes Ex-portland Frankreich, gefolgt von Belgien und Deutschland. Die Mengen sind allerdings bescheiden: Von seinen neun be-pflanzten Hektar füllt der Winzer gerade einmal 20 000 Fla-schen – biologischer Anbau, auf dem Etikett aber nicht ausge-lobt. „Ich schreibe meinen Namen drauf, das genügt“, sagt er selbstbewusst. Seine Reben sind durchschnittlich 50 Jahre alt. Anders als in anderen kretischen Regionen gab es hier vor 20 Jahren keine Reblausplage, „so haben wir die alten Stöcke er-halten, und deren Trauben ergeben sanftere Tannine“. Die nied-rigen Reben ducken sich an den Boden, das Laub stellt sicher, dass die wenige Feuchtigkeit nicht verdampft: „Bei euch sind die Steillagen die besten, hier ist es umgekehrt.“

Das zeigt er mit seinem „Sitia“ aus den Sorten Liatiko und Mandilari, von dem er neben dem aktuellen Jahrgang auch noch den 1998er präsentiert – ohne Schwefel ausgebaut und trotzdem immer noch mit sehr lebendiger Frucht. Zum Ab-schluss einen „Sitia Red Sweet“, quasi eine Beerenauslese. Die hier übliche Praxis, die Trauben in der Sonne zu trocknen, lehnt Giannis Economou ab: „Ich hasse diesen Rosinenge-schmack.“ Der Beweis, dass es anders geht, ist ihm gelungen."



translate